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E-Learning Handbuch
Arnold, P.; Kilian, L.; Thillosen, A.; Zimmer, G.: E-Learning. Handbuch für Hochschulen und Bildungszentren. Didaktik, Organisation, Qualität.
Nürnberg: BW Bildung und Wissen 2004.
ISBN 3-8214-7235-9; 320 Seiten; 36,00 €
Das Handbuch zeigt sehr anschaulich und in voller Themenbreite, wie Angebote des Lehrens und Lernens mit Neuen Medien praktisch umzusetzen sind. Im Vordergrund stehen der Aufbau nach didaktisch-methodischen Prinzipien und die Sicherung von Lernprozessen durch Nachhaltigkeit. Ziel dieses Handbuchs ist eine wissenschaftlich fundierte Unterstützung der Praxis bei der Realisierung virtueller Bildungsangebote. Das Handbuch ist demnach anwendungsorientiert „für die Praxis geschrieben, gleichwohl wissenschaftlich fundiert“ (S.12). Generell richtet sich das Buch an alle Personen in Bildungseinrichtungen, die sich mit der Bildungsplanung, der inhaltlichen und didaktischen Konzeption, der multimedialen Produktion sowie der Organisation, Betreuung und Qualitätssicherung von Bildungsangeboten beschäftigen. Was das Handbuch nicht bietet sind technische, kostenkalkulatorische oder betriebswirtschaftliche Detailinformationen (z.B. über Lernplattformen oder Kosten virtueller Studienangebote).
Da die Publikation aus der Evaluation im Bundesleitprojekt ‚Virtuelle Fachhochschule für Technik, Informatik und Wissenschaft (VFH)’ entstand, ist die Nähe zur Hochschulpraxis nicht zu übersehen. Die AutorInnen mit dem Leiter Gerhard M. Zimmer - Professur für Berufs- und Betriebspädagogik an der Universität der Bundeswehr in Hamburg (Helmut-Schmidt-Universität) - begleiteten dieses Projekt über fast fünf Jahre bis Ende Dezember 2003 im Rahmen des Arbeitspaketes „Didaktik und Methodik telematischen Lehrens und Lernens (DIMETELL)“.
In dem Buch sind zwei Kapitel von zentraler Bedeutung: im zweiten Kapitel („Bildung mit E-Learning?“) wird der Frage nachgegangen, wie Bildung durch die Angebote des Lehrens und Lernens mit Neuen Medien überhaupt möglich werden kann und im achten Kapitel („Nachhaltigkeit“) wird diese Frage aus dem Blickwinkel der langfristigen Wirkungen und Auswirkungen von Lernprozessen untersucht. Fazit dieser Kapitel – und des gesamten Handbuchs – ist, dass ohne die Debatte aller Beteiligten um grundständige Positionen und Werte in Bildungseinrichtungen das Angebot virtueller Lehr- und Lernprozesse nicht zu haben ist. Virtuelle Angebote haben „ohne didaktisch durchdachte und schlüssige Konzeption keinen dauerhaften Erfolg“ (S.130).
Im zweiten Kapitel wird festgestellt (und hinreichend belegt), dass die meisten Lernangebote mit Neuen Medien bei den Studierenden bisher wenig Anerkennung und über die jeweilige Projektlaufzeit hinausgehende Nutzung fanden. Anschließend werden die konstituierenden Faktoren von Bildungsprozessen im Allgemeinen und von virtuellen Lehr- und Lernprozessen im Besonderen analysiert. Dabei wird unterstellt, dass sehr wohl eine „neue, ja revolutionäre pädagogische Infrastruktur zu schaffen“ (S. 5) ist, wenn es aus didaktischer Perspektive gelingt, die Studierenden als aktiv gestaltende Lernende mit ihren jeweiligen Interessen und Begründungen einzubeziehen. Ganz bewusst wird demnach die didaktische Sichtweise fokussiert, ohne die Überlegungen und Sichtweisen anderer Akteure bei der Gestaltung virtueller Bildungsangebote zu vernachlässigen.
Didaktik bezieht sich zunächst auf den Lerngegenstand als ein gemeinsames Drittes, auf das sich „das Lehren begründet darstellend und das Lernen reflektiert fragend jeweils beziehen“ (S.26) muss. Der Lernende und sein Wissen als subjektive Leistung stehen dabei im Vordergrund. Dabei bedingen sich Lehren und Lernen gegenseitig in einem Wechselverhältnis, das erst unter dieser Prämisse zu einem Bildungsprozess werden kann. Das zu erwerbende Kompetenzprofil einer Person kann „weder einfach gemessen noch verkauft oder gekauft werden wie ein gewöhnliches Produkt. Bildung als ‚Qualität’ einer Person ist auf keinem Markt handelbar“ (S.27). Wird der Computer in seiner Vermittlerfunktion erkannt, so werden kooperative und selbst organisierte Lernprozesse auf einer neuen Ebene möglich. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist das an der Kritischen Psychologie von K. Holzkamp angelehnte Verständnis von „Lernen als situierte soziale Handlung der Partizipation an gesellschaftlichen Praxisformen zur Gewinnung subjektiver Handlungskompetenz“ (S. 39). Daraus werden sechs Ansatzpunkte bei der Entwicklung virtueller Bildungsangebote zur Förderung einer neuen Lernkultur identifiziert: aufgabenorientierte didaktische Konzepte, Förderung autodidaktischer Kompetenzen und Medienkompetenzen, Professionalisierung des Lehrens und Lernens, Gestaltung benutzerfreundlicher virtueller Lernmodule und die Entwicklung lernförderlicher Zeitstrukturen.
Diese Ansatzpunkte werden in sechs Handlungsfeldern spezifiziert, welche zugleich die weitere Grundstruktur des Buches bilden, und konsequent auf den Bildungsbereich bezogen werden: Der virtuelle Lernraum (Kap. 3), die didaktische Konzeption und Entwicklung virtueller Lernmodule (Kap. 4), die Online-Betreuung (Kap. 5), das Qualitätsmanagement und die Evaluation (Kap. 6), die Standardisierung (Kap. 7) sowie die Nachhaltigkeit (Kap. 8). In jedem Kapitel werden zunächst die zurzeit wissenschaftlich gesicherten Grundlagen des jeweiligen Gestaltungsfeldes dargestellt und gründlich reflektiert, die konkreten Umsetzungsoptionen an einem Praxisbeispiel des VFH-Verbundprojekts veranschaulicht und zum Schluss praktische Hinweise für die Gestaltung virtueller Bildungsangebote formuliert. Sympathisch ist, dass „Irrwege und Fehler werden ebenso aufgezeigt wie erfolgreiche Lösungen“. (S.45) Leider fallen die praktischen Hinweise oft sehr knapp aus.
Die Gestaltung eines virtuellen Lernortes als Schnittstelle zwischen Technik und Didaktik ist der Ausgangspunkt für das dritte Kapitel („Virtueller Lernraum“). Lernplattformen bieten zunächst nicht mehr als eine technische Infrastruktur, die erst durch die Gestaltung eines Lernraums und einer Lernumgebung (Räume zur Darstellung, für Ereignisse und für Bedeutungen) pädagogisch sinnvoll genutzt werden kann. Um einen zentralen Arbeits- und Aufgabenbereich, in dem die Lernmodule bearbeitet werden, gruppieren sich sechs Funktionsbereiche: Angebot & Auskunft, Planung & Verwaltung, Mediathek & studentische Arbeitsergebnisse, Schnittstellen zu Anwendungssoftware, Kommunikation & Kooperation sowie Prüfung & Evaluation. Ein Lernraum sollte möglichst passgenau für die komplexen Bildungsprozesse der Einrichtung sein. „Für die Akzeptanz des Lernraums ist es wichtig, dass Lernende und Lehrende verstehen, wie durch den Lernraum Lehr- und Lernprozesse gestaltet und gefördert werden können.“ (S.64) Die Reflexion der Praxiserfahrung aus dem VFH-Projekt zeigt die Herausforderungen aufgrund der unterschiedlichen Ansprüche aller Beteiligten bei der Gestaltung eines virtuellen Lernraums auf. Die Kompetenzentwicklung von Lehrenden und Lernenden sehen die AutorInnen als wichtigen Gestaltungsfaktor für die Akzeptanz von virtuellen Lernräumen.
Im vierten Kapitel („Didaktische Konzeption“) wird zunächst eine Übersicht über verschiedene lerntheoretische Ansätze gegeben. Die weiteren Ausführungen orientieren sich an der subjektwissenschaftlich begründeten Kritischen Psychologie K. Holzkamps, der Lernen als eine „Form begründeten menschlichen Handels zur Realisierung der eigenen Lebensinteressen“ (S. 87) versteht, und der darauf aufbauenden aufgabenorientierten Didaktik von G. Zimmer. Aus der Praxis bzw. der Forschung sind typische und relevante Lernaufgaben auszugliedern, welche den Kern der Lernhandlungen bilden („typische bzw. verallgemeinerte Aufgaben in beruflichen, individuellen oder gesellschaftlich Feldern“ S.110), und durch deren Bearbeitung die angestrebten Handlungskompetenzen erzielt werden. Das Phasenmodell zur Konzeption virtueller Lernmodule (Konzeption, didaktische Struktur, formale Struktur, operationale Struktur) wird in neun Arbeitsschritten konkretisiert. Die Aufgaben in jedem Arbeitsschritt werden konkret beschrieben und mit je einem Umsetzungsbeispiel aus verschiedenen Teilprojekten des VFH-Verbundprojekts veranschaulicht. Dabei finden auch weniger beachtete Themen wie Gender Mainstreaming und barrierefreies Webdesign für behinderte Studierende Raum zur Darstellung und Hinweise zur weiteren Beschäftigung.
Das fünfte Kapitel („Online-Betreuung“) stellt die heute allgemein anerkannte Bedeutung der Betreuung durch TeletutorInnen für die Anerkennung und den Erfolg der Lernenden in virtuellen Räumen heraus. Zunächst wird auf die veränderte Rollendefinition hinsichtlich der Betreuungsaufgaben und der neuen Professionalisierung in der Praxis hingewiesen. Nicht die Vermittlung von Wissen ist die Aufgabe der TeletutorInnen, sondern die Lernenden sollen „während der Wissenserarbeitung durch Aktivierung, Motivierung oder Moderation und Metakommunikation zu unterstützen und zu fördern“ (S.142) sein. Zu den Kompetenzen dieser ‚organisationalen Vermittler’ zählt die didaktische Gestaltung von Lernsituationen ebenso wie die Unterstützung selbst gesteuerter und kooperativer Lernprozesse. Ohne die entsprechenden Kompetenzen in Bezug auf Medien, fachliches Wissen und Kommunikation ist die Bewältigung dieser Aufgaben nicht denkbar. Unterschiedliche Gestaltungsoptionen bei der Qualifizierung von TeletutorInnen werden diskutiert und das Konzept der Teletutorenschulung an der VFH als Praxisbeispiel dargestellt.
Im sechsten Kapitel („Qualitätsmanagement und Evaluation“) werden zunächst die Bedeutung von Qualitätsmanagement ermittelt und die wichtigsten Begriffe geklärt. Zentral ist die Aussage, dass „Qualität letztlich darüber entscheiden wird, ob virtuelle Bildungsangebote langfristig erfolgreich sind“ (S.173). Vorgeschlagen wird ein fünfstufiges Vorgehen, um den spezifischen Anforderungen an ein Qualitätsmanagementsystem im Bildungsbereich gerecht zu werden: Begriff der Qualität, das Managementkonzept, die Standards, die Entwicklung und schließlich die Lernkompetenzen. Hier – wie auch in anderen Teilen des Buches – wird der ‚Lernende als Grundkategorie’ mit weit reichenden Konsequenzen verstanden: die „Lernenden stellen die Qualität einer Bildungsmaßnahme endgültig erst im Lernprozess her“ (S.184). Evaluation wird als entscheidender Teil des Qualitätsmanagementskonzepts verstanden. Als Praxisbeispiel wird der dreistufige Reviewprozess bei der Produktion virtueller Studienmodelle an der VFH dargestellt. Qualitätsmanagement erscheint so immer auch als die Vermittlung zwischen generellen Qualitätsstandards und der Profilbildung der jeweiligen Bildungseinrichtung, die mit ihren je eigenen Schwierigkeiten behaftet - und oft nicht erfolgreich ist.
Das siebte Kapitel („Standardisierung“) geht nach einer Klärung der Begriffe auf die Vorteile und Grenzen von Metadaten und Standards im Lehren und Lernen mit Neuen Medien ein. Einige Ansätze (z.B. Learning Object Metadata - LOM) werden kurz vorgestellt und Herausforderungen bei der Implementierung skizziert. Obwohl sich das Verständnis für Fragen und Probleme mit der Standardisierung von ‚Lernobjekten’ auch aus didaktischer Perspektive ausweitet, können bestimmte Ansätze (noch) nicht empfohlen werden. Standards beinhalten immer Reduktion und Verallgemeinerung, aber Lernende lassen sich nicht standardisieren. Trotz der Bedenken werden auch die Vorteile der Standardisierung gesehen: Lernmaterial lässt sich besser integrieren, Nutzbarkeit wird verbessert und Wiederverwertbarkeit (Auffindbarkeit) wird erhöht. Die Beschreibung der Entwicklung projektinterner Standards und deren Integration in die Styleguides (Liste konkreter, auf ihre Realisierung weitgehend überprüfbarer und möglichst konkreter Hinweise und Vorgaben) im VFH-Projekt veranschaulichen Umsetzungsmöglichkeiten und Probleme bei der Implementation.
Das achte Kapitel („Nachhaltigkeit“) erschließt nach der Vertiefung der einzelnen Gestaltungsfelder die Aussicht auf eine integrierte Sichtweise und erörtert Nachhaltigkeitsfaktoren in Bildungseinrichtungen hinsichtlich mehrer Dimensionen: finanziell, didaktisch, organisatorisch und qualitativ. Unter dem zentralen Aspekt, dass sich Bildungsprozesse nicht industrialisieren lassen, werden ausführlich folgende Teilbereiche einer Nachhaltigkeitsstrategie erörtert: Kostenführerschaft oder Differenzierung, aufgabenorientierte Didaktik, virtuelle Lerngemeinschaft, pädagogische Infrastruktur, Studienstruktur und Qualitätssicherung. Mit Beispielen aus der Praxis des VFH - Projekts endet dieses Kapitel.
Das Handbuch richtet sich durch die Auswahl der Praxisbeispiele und der thematischen Schwerpunktsetzung in erster Linie an Handelnde im Hochschulbereich, wobei viele Seiten auch für Bildungsverantwortliche aus anderen Einrichtungen interessant sein können. Letzteres gilt insbesondere dann, wenn es gilt, einen ersten Überblick von der Vielfalt und Komplexität des Lehrens und Lernens mit Neuen Medien zu gewinnen und sich alle Aspekte der Veränderung einer Bildungseinrichtung, die damit einhergehen, zu vergegenwärtigen. Das klar strukturierte Buch gibt eine gute, wissenschaftlich fundierte und anwendungsorientierte Zusammenfassung der zentralen Gestaltungsfaktoren virtueller Bildungsangebote. Durch die enorme Bandbreite der Themen können viele Aspekte zwar nur angeschnitten werden, was jedoch durch den Verweis auf relevante weiterführende Literatur und Hyperlinks ausgeglichen wird.
(Dr. A.K. Petersheim)
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