Sie sind hier"Nun hat einfach jeder sein Medium"
Gespeichert von akpe am Do, 2005-06-23 13:15
Thomas N. Burg Interview
Frankfurter Rundschau vom 22.03.2005
_Thomas N. Burg ist Direktor des Zentrums für Neue Medien an der Donau-Universität Krems und Organisator der Konferenz "Blog Talk" in Wien, einem der wichtigsten Kongresse der deutschsprachigen Bloggerszene. Der 40-Jährige forscht und lehrt an der Universität Krems und gilt als einer der besten Kenner der hiesigen Blogosphäre. Thomas Burg lebt in Wien. eff_
*Thomas Burg über Blogs und wie sie Kommunikation fördern*
_Frankfurter Rundschau: Herr Burg, wann haben Sie zuletzt eine Eintragung in ihr Weblog "randgaenge.net" gemacht?_
Thomas N. Burg: Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Denn mein Weblog besteht aus zwei Produktionsumgebungen, die auf einer veröffentlichten Seite einfließen. Aber, um es kurz zu machen, der neueste Eintrag stammt von heute.
_Leiden eigentlich alle Blogger unter einem Mangel an Aufmerksamkeit? Oder worin liegt für Sie der Reiz, beinahe täglich ein solch öffentliches Journal zu führen?_
Um ein Tagebuch geht es mir überhaupt nicht. Als ich damals, im März 2002, mein erstes Weblog eingerichtet habe, suchte ich für mich einfach nach einer Möglichkeit, Quellen und Ressourcen, die ich im Internet gefunden hatte, in einer Art annotierten Bibliografie abzulegen und für mich von überall her zugänglich zu machen. Dafür hat sich die Blogsoftware extrem gut geeignet. Ich schreibe sozusagen mir selbst Notizzettel, allerdings öffentlich und für jedermann zugänglich.
_Wo genau sehen Sie die Vorteile der Blogosphäre?_
über mein Weblog habe ich - zu meiner eigenen überraschung - schnell Kontakt zu anderen Leuten gefunden, die die gleichen Interessen haben wie ich und in einem ähnlichen Feld arbeiten. So ist in kurzer Zeit ein internationales Netzwerk entstanden. Was ich in den vergangenen zweieinhalb, drei Jahren an direkten, fachlich relevanten Kontakten aufgebaut habe, war bis dahin so gar nicht möglich. Solche Kontakte haben sehr viel mit Kommunikation zu tun. Und in der Zeit, bevor es Blogs gab, war es viel schwieriger, Gleichgesinnte zu finden. Ich hätte jede Woche zu einer Konferenz oder einem Seminar reisen müssen, um diese Leute zu treffen.
_Die Blogs erleichtern also den Austausch mit anderen Menschen?_
Genau, das kann fachlich sein, das kann der Freizeitbereich sein, das kann ein politisches Interesse sein, was auch immer. Und es ist nicht mehr lokal oder regional eingeschränkt. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Ich benutze diese Technologie, um mich über meine unmittelbare Umgebung hinwegzusetzen. Ich muss das nicht tun, aber ich kann's.
_Können Sie uns Laien sagen, worin der Unterschied zwischen einem Blog und einer "normalen" Internetseite besteht?_
Vergessen wir einmal die technischen Finessen. Auf den ersten Blick erkennt man ein Blog daran, dass der neueste Eintrag ganz oben auf der Seite steht - dann geht es weiter in umgekehrt chronologischer Reihenfolge. Und es gibt Verbindungen zu Beiträgen auf anderen Webseiten. Grundsätzlich hat sich mit Weblogs ein Paradigmenwechsel vollzogen. Es dominieren nicht länger die Adressen von ganzen Webseiten, auf denen bestimmte Inhalte zu finden sind, sondern die einzelnen Einträge, die Posts, werden direkt angesteuert. Deshalb spricht man auch englisch vom "Micro-Content", vom Kleininhalt. Blogsysteme sind nichts anderes als Einrichtungen, um solche Mini-Inhalte zu organisieren. Durch die neue Struktur hat jede dieser knappen Informationen eine eigene, direkt anwählbare Adresse - wie eine Telefonnummer. Das macht es möglich, diese Nachrichten sehr sehr schnell im Netz zirkulieren zu lassen und für jeden publik zu machen.
Die Tsunami-Katastrophe in Südostasien hat in Deutschland einen regelrechten Blog-Hype ausgelöst. Die Online-Journale waren zeitweise der einzige Weg, schnell, zuverlässig und für jeden zugänglich Informationen aus den betroffenen Regionen zu bekommen. Die Blogs haben eben die Stärke, bei relativ geringen Kosten und technischem Aufwand vergleichsweise professionellen Produktionsansprüchen zu genügen. Sie ermöglichen es tatsächlich, beinahe zu jeder Zeit von jedem Ort der Erde professionelle Arbeit abzuliefern. Die "Produktionsmittel" dafür sind faktisch gratis und stehen jedem zur Verfügung. Letztlich entscheiden nur noch die Inhalte, die Aktualität, das Sensationelle, ob und wie diese Meldungen wahrgenommen werden.
_Eine neue Form des Journalismus also, wobei niemand kontrollieren kann, ob die Informationen stimmen oder ob sich jemand einen Spaß erlaubt?_
Natürlich bringt diese technische Entwicklung einige Verschiebungen mit sich, weil - im Gegensatz zu den klassischen Medien - die Mittlerfunktion wegfällt, die Redaktionen von Sendern und Verlagen. Nun entscheiden einfach die User unmittelbar, ob Sie eine Blog-Meldung glauben und weiter verbreiten. Genau darin besteht aber auch das Korrektiv. Ein Weblog-Eintrag wird ja nur dann zu einer Nachricht, wenn er von anderen wahrgenommen, geglaubt und weiter verbreitet wird. Ein einzelner Weblogautor kann das nicht. Die Gemeinschaft entscheidet, was sie für wichtig und richtig hält und weiter streut. Diese Gesamtheit, dieses Regulativ, ist im Augenblick natürlich nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Bestimmte Gruppen sind stärker vertreten als andere.
_Bleiben wir eine Minute bei den "Watchblogs", den selbst ernannten Wächtern über klassische journalistische Formate. Vor wenigen Wochen musste der CNN-Nachrichtenchef Eason Jordan seinen Hut nehmen, weil Blogger aus einer Rede zitiert hatten, die er hinter verschlossenen Türen - off the record - gehalten hatte. Damit haben die Blogger eindeutig gegen die journalistischen Regeln verstoßen._
Beim Konflikt zwischen Bloggern und Journalisten kommen zwei Aspekte zusammen. Zum einen die technische Möglichkeit: Das Weblog ist nur ein Instrument, damit kann ich verschiedenste Dinge anstellen. Was ich damit mache, bleibt erstmal mir überlassen. Wenn ich einen journalistischen Anspruch habe, versuche ich es eben journalistisch. Zum anderen erfordern aber neue Technologien auch neue Regeln für ihren Umgang. Im Augenblick erleben wir es, wie Leute die Weblog-Technologie nutzen, um Informationen möglichst schnell und weitreichend zu publizieren - dazu hatten die meisten von ihnen bislang nicht die Möglichkeiten, weil sie nicht bei Zeitungen, im Radio oder im Fernsehen gearbeitet haben. Jetzt hat jeder sein Organ, sein Medium. Und es dauert eben eine Zeit, bis eine Gesellschaft neue Regeln für den Umgang mit solchen technologischen Innovationen gefunden hat. Im Augenblick erleben wir einfach, was alles möglich ist.
_Einige Beobachter der Szene sprechen von einer Demokratisierung der Medienbranche, andere sehen die Blogs eher als Vehikel, um Verschwörungstheorien zu verbreiten?_
Der Vergleich von Weblogs und Journalismus mag sich zunächst aufdrängen, doch im Kern geht es doch darum gar nicht. Es gibt natürlich Weblogs, die einen journalistischen Anspruch haben. Das ist aber eine absolute Minderheit. Ich glaube, Weblogs sind ganz einfach Hilfsmittel, um die Kommunikation zwischen Menschen zu erleichtern und die Kommunikationsfrequenz zu erhöhen. Das heißt, mehr Menschen können, wenn sie es wollen, miteinander in Kontakt treten - auf viel leichterem Weg.
_In welchem Stadium befinden wir uns beim Weblog-Phänomen gegenwärtig im deutschsprachigen Raum?_
Wir befinden uns in der Anfangsphase. Was jetzt bei uns läuft, hat in den USA vor zwei Jahren stattgefunden. Das mag erklären, weshalb zurzeit um Blogs so viel Aufhebens gemacht wird.
Interview: Steffen Hebestreit
[document info] Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005, Dokument erstellt am 22.03.2005 um 15:16:11 Uhr, Erscheinungsdatum 23.03.2005 Literatur: Weblog:
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